Ein Titel ist eine Behauptung

Ein Buch zu verschenken sieht nach dem persönlichsten Geschenk aus, das man machen kann. Es ist auch das einzige in dieser Nische, bei dem man sich vor dem anderen blamiert, ohne es je zu erfahren.
Der Grund ist einfach. Mit einem Titel sagt man: So sehe ich dich. Das ist eine Behauptung über den Geschmack, den Ton und die Themen, die jemand mag — und sie stimmt nur, wenn man sehr genau weiß, was der andere schon gelesen hat, was er bewusst meidet und wo er gerade steht.
Trifft man daneben, passiert nichts Dramatisches. Es wird ausgepackt, gelobt, und danach steht es im Regal. Aussortieren kann man es nicht, weil es ein Geschenk war. Also bleibt es und erinnert an einen kleinen Irrtum.
Es gibt eine Ausnahme, und die ist eng: Wenn jemand ausdrücklich einen Wunsch äußert, ist das kein Raten mehr. Alles andere ist Raten, egal wie gut man sich kennt.
Was übrig bleibt, ist der ganze Rest. Wer viel liest, liest an schlechten Orten, zu späten Zeiten und in unbequemen Haltungen. Dort kann man schenken, ohne eine einzige Annahme über den Geschmack zu treffen — und trifft fast immer.