Eine Zeile pro Buch

Mein Lesetagebuch ist bewusst karg. Datum, Titel, Seitenzahl, eine Zeile. Nicht mehr, weil mehr bedeuten würde, dass ich beim Lesen schon mit dem Schreiben beschäftigt bin.
Auf dieser Seite steht kein einziger Eintrag daraus. Das ist keine Koketterie, sondern Absicht. Sobald ich anfange, aus dem Heft zu erzählen, rede ich über Handlungen — und dann ist der Punkt erreicht, an dem jemand etwas erfährt, das er selbst hätte finden wollen.
Was das Heft trotzdem leistet, ist etwas anderes. Es zeigt mir, wo ich lese. Zwischen den Zeilen stehen Uhrzeiten, Orte und Umstände: viel spätabends, viel im Zug, wenig am Schreibtisch. Nach zwei Jahren ergibt das ein ziemlich klares Bild davon, was beim Lesen tatsächlich stört.
Daraus ist meine Auswahl entstanden. Nicht aus den Titeln, sondern aus den Umständen. Licht, Haltung, Lautstärke, Transport. Das sind die vier, die in jedem Eintrag zwischen den Zeilen stehen.
Wer selbst so ein Heft führen will, sollte es kurz halten. Eine Zeile reicht, und man darf Bücher auslassen. Interessant wird es nicht durch Vollständigkeit, sondern durch Menge.